Güterwagen

Frische Wagen für frische Milch

Das Bild des typisch österreichischen Personenzuges war geprägt durch den obligatorischen Dienstwagen und fallweise einen Postwagen. Eine österreichische Spezialität und Abwechslung der besonderen Art stellten jedoch die Milchtransportwagen dar, die manchen Personenzügen mitgegeben wurden.

Derartige Wagen wurden oft in Personenzüge eingestellt, da diese im Vergleich zu vielen Güterzugverbindungen einen rascheren Transport der schnell verderblichen Milch von den ländlichen Molkereien in die Städte ermöglichten. Viele große Molkereien besaßen derartige Wagen zum Transport ihren eigenen Milchcontainer. Da selbstverständlich auch im steirischen Randgebirge beste Almmilch gesammelt und in die Städte geliefert wurde, dürfen solche Wagen auf meiner Anlage nicht fehlen.


Leider gibt es über diese Vorbildwagen kaum Literatur und auch im Internet findet man wenig. Bei der ÖBB waren solche „Milchtankwagen“, wie diese Wagen offiziell hießen als Privatwagen eingestellt und liefen unter der Nummerngruppe 573000 bis 576999 [1]. Der Typ, der bis in die 90er Jahre im Einsatz stand, wurde aus alten Beständen aufgebaut, hatte 6m Achstand, 10,24m LüP, Bremserbühne, Rollenachslager und Doppelschakenfedergehänge [2]. Daneben gab es zumindest in den 50er Jahren auch noch Wagen von der BBÖ, die aus abgebordeten offenen Güterwagen der Bauart Olr abgeleitet wurden [3]. Bekannt ist auch das Bild eines Milchtransportwagens aus einem SGP-Katalog mit BBÖ-Beschriftung und rundem Blechbremserhaus, also einem mutmaßlichen Neubau von Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre.


An solchen Milchwagen haben sich schon mehrere Hersteller versucht, zuletzt Märklin bzw. Trix mit dem bekannten ÖBB-Typ. Erfreulicherweise wurde das Modell über die Jahre sogar für zahlreiche Molkereien in verschiedenen Beschriftungsvarianten und unterschiedlich bedruckten Containern aufgelegt. Diese gab es zwar teilweise nur in Güterwagensets, aber viele Modelle sind heute auf dem Gebrauchtmarkt auch einzeln erhältlich. Daneben gibt es an erwähnenswerten Modellen auch noch einen Milchwagen von Liliput, der auf einem Fahrwerk des Omm Villach aufbaut und sonderbarerweise nur 4 Milchcontainer hat.


Milchtransportwagen mit Bremserbühne und Doppelschakenaufhängung

 

Wenden wir uns dem Modell von Märklin/Trix zu. Diese Modelle sind meiner Meinung nach insgesamt halbwegs passabel, weil die sehr schön bedruckten Milchcontainer echt was hermachen. Der Tragwagen stimmt allerdings nicht, so ist der Achsstand um 7mm zu kurz, der Wagen insgesamt hingegen um 4mm zu lang. Auch die Abmaße der Container passen nicht ganz und einige Details erscheinen nicht ganz korrekt bzw. hätten etwas feiner ausgeführt werden können. Ich wollte aber bei diesen Modellen nicht all zuviel anpacken, auch weil der Gesamteindruck trotzdem irgendwie passte. Somit blieb die Arbeitsliste angenehm überschaubar und bot leichte Kost für einige Bastelabende:

1. Bastelabend: Vorbereiten der Milchcontainer

  • Entfernen der wenig vorbildgetreuen Befestigungszapfen auf der Containerunterseite.
    Das gelingt am Besten mit einem scharfen Skalpell, mit dem man scheibchenweise den Zapfen abträgt. Abschließend wird mit einer feinen Feile verschliffen. Ich habe das nur an den Containern gemacht, die am Wagen ganz außen angeordnet werden, da man nur dort die störenden Zapfen am fertigen Wagen sieht.Auf das Verschließen der Löcher kann man verzichten, ich habe mir die Mühe auch nur bei einem Container gemacht, und zwar bei dem, der später am Verladekran baumeln wird.
  • Leichtes Altern der Container mit AquaColor von Revell.

2. Bastelabend: Vorbereiten der Wagen

  • Nacharbeiten der Holzbohlen am Wagenboden.
    Auch die angedeutete Holzbeplankung überzeugt nicht, da die Bretter zu breit sind und man die Holzmaserung vermisst. Die Maserung habe ich mit einer feinen Drahtbürste erzeugt, die breite Beplankung allerdings belassen. Die nicht mehr benötigten Zapfen zur Befestigung der Milchcontainer werden weggeschnitten, die Öffnung mit einem Kunststoff-Rundprofil verschlossen und die Fläche mit der Feile glattgeschliffen.
  • Tausch der Handbremskurbel.
    Wirklich unschön ist die angespritzte Handbremskurbel. Der mittlere Teil der Spindel sowie der obere Teil mit der Kurbel werden mit einem Skalpell vorsichtig entfernt, die Schnittflächen anschließend sauber abgefeilt und 0,3mm Bohrungen angebracht. Aus 0,25mm Ms-Draht biegt man eine Kurbel und lötet diese auf 0,7mm Ms-Draht auf. Diese sehr leicht zu bauende Handbremskurbel wird in die Bohrungen eingesteckt.
  • Seitliche Griffstangen am Bühnengeländer „rund“ feilen.
    Dies geht halbwegs gut mit einer kleinen Halbrund-Feile, die Griffstangen wirken dadurch etwas dünner.
  • Anbringen von Zellehalter.
    Die Wagenzettelhalter sind aufgedruckt, daher brauchen neue Zettelhalter nur aufgeklebt zu werden – ich verwende die feinen Kunststoffzettelhalter, die es früher von Klein Modellbahn gab. Weinert hat aber solche Bauteile ebenfalls im Programm.
  • Nachlackieren der ergänzten Handbremskurbel.
  • Abschließend könnte man auch die zu kleinen Rangierertritte gegen solche von Weinert tauschen, aber darauf habe ich schließlich verzichtet.
  • Weathering.
    Für die Alterung des Wagens verwende ich Pinsel und wasserlösliche Farben AquaColor von Revell mit einem abschließenden Hauch Mattlack aus dem Airbrush.
  • Aufkleben der Milchbehälter.
  • Einsetzen von RP25 Fine-Scale Radsätze Ø 10,5 x 24,5mm von Luck.
  • Montage der Kadee-Kupplung.

Mit den an mehreren Bastelabenden erfolgten Restarbeiten ist der Wagen einsatzbereit und kann dem nächsten Personenzug beigestellt werden.

Quellen:

Dienstbehelf 801 „Nummernplan der normalspurigen Güter-, Bahndienst-, Bahnhofs- und Privatwagen“, Österreichischen Bundesbahnen, 1952

2  H. Heraut, „Milchtransportwagen“, meb 3/1987, S. 36

3  Dipl.-Ing. K. Göls, „Wer baut mit? Abgebordeter offener Güterwagen, Reihe Olr (JKee) als Gruppe If als Milchtransportwagen“, meb 5/1953, S. 40

 

Fortsetzung folgt 

(Milchtransportwagen mit Bremserhaus und Federlaschenaufhängung)