Gedankenzüge / März 2013

Kleinprojekt Feierabendbastelei

Zur Zeit meiner modellbahnerischen Aktivitäten in der lokalen Grazer Szene Anfang der 90er kannten wir in unserem Kreis von Jung-Modellbahnern, die wir an Clubanlagen und Modellbahnfahrzeugen herumbastelten, einen engagierten Kollegen, der sich in kürzester Zeit eine relativ große Anzahl an ÖBB-Epoche IV-Wagenmodellen, die alle auch auf unserer Liste standen, baute.


Allerdings, und dies ließ uns ein wenig die Nase rümpfen, wählte der Kollege als Ausgangsbasis für seine Umbauten durchwegs Kleinbahnwagen mit den bekannten und auch damals schon reichlich antiquierten Einachsfahrwerken. Für unsere Ansprüche an Maßstäblichkeit und Detaillierung war dies selbstverständlich indiskutabel. Doch der Kollege, von uns auf seine Gepflogenheiten angesprochen, offenbarte gerne sein Motto, welches da lautete: Mit möglichst geringem finanziellen Einsatz möglichst viel Basteln.

 

Nun waren wir zwar alle in ähnlichen Situationen, nämlich noch ohne festes oder nur mit geringem Einkommen und im Gegenzug mit vergleichsweise viel Zeit gesegnet, dennoch empfanden wir den Ansatz des Kollegen als völlig abwegig, weil ja trotz ausreichend verfügbarer Zeit nicht nur der Weg das Ziel sein sollte, sondern auch das Ergebnis. Und so meinten wir, für unsere Umbauten nur besser ausgeführte Modelle als Ausgangsbasis verwenden und auch sonst mehr Zeit und Geld in die Detaillierung stecken zu müssen.

 

In der Folge wurden Guss- und Ätzteile gekauft oder konstruiert, Beschriftungssätze aus dem fernen Wien hergeschafft, einige Kollegen begannen mit Silikon und Kunstharz zu experimentieren, um zu maßstäblichen Seitenwänden eines Gabs zukommen, usw. – Das Ende vom Lied war, dass innerhalb weniger Jahre unsere eigenen modellbahnerischen Ansprüche ins Astronomische gestiegen waren und im Gegenzug unser Output sich dramatisch reduziert hatte. Und die Ersten begannen, ihr Hobby aufzugeben... 

Zwei 35er mit Baufortschritt seit Jahren unter Erwartung.

Als ich vor einigen Jahren wieder in die Modellbahnerei einstieg, wollte ich natürlich auch wieder Fahrzeuge bauen, ohne jedoch auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, die Latte vielleicht wieder tiefer zu legen. Warum auch, es waren schließlich doch auch die Standards der bekannten Autoren in den Fachzeitschriften in der Zwischenzeit durchgängig um ein paar Stufen nach oben verschoben worden, ebenso die Ansprüche der durchschnittlichen Modellbahner, letzteres kann in seinen Auswirkungen in den einschlägigen Eisenbahnforen bestens beobachtet werden. 

 

Bei mir hatte sich allerdings das Verhältnis Zeit:Geld gegenüber früher drastisch umgekehrt: während Zeit rarer denn je war, stapelten sich im Hobbykeller umzubauende Fahrzeuge zwischen Weinert-Teilen, Fohrman-Werkzeug und memoba-Farben. Begonnene Projekte scheiterten, weil Zeit fehlte, um die erforderliche Recherche zu betreiben, um benötigte Bauteile in der gewünschten Qualität herzustellen und generell um langwierige Projekte durchzuziehen.

Angefangene Projekte warten (seit Jahren) auf geätzte Bühnengeländer.

Um weiteren Frust zu vermeiden, legte ich mir ein 6-Punkte-Programm auf:

  • Keine neuen Projekte, solange alte Projekte noch nicht abgeschlossen sind.
  • Keine Gedanken an Lokomotivumbauten oder gar -selbstbauten, da diese schlichtweg zu lange dauern (außerdem fehlt mir das nötige Equipment an Werkzeugmaschinen).
  • Keine Um- oder Selbstbauten von Waggons, die perspektivisch eine Chance auf Realisierung durch die Modellbahnindustrie haben.
  • Keine Um- oder Selbstbauten, bei denen zu Baubeginn noch keine durchgehende Lösung vorliegt.
  • Bis auf weiteres auch keine Um- oder Selbstbauten, die zwingend eigene Ätzteile o.ä. erfordern.
  • Und last but not least: Keine zeitaufwändigen Arbeiten, um die Detaillierung und Maßstäblichkeiten in Bereichen voranzutreiben, die schlichtweg kaum zu erkennen sind.
Gm 143 mit Viehgatter als Feierabendbastelei.

Kurzum: ich entschloss mich, die Kirche beim Basteln wieder im Dorf zu lassen und die Bücher und Zeitschriften der versierten und hochgeschätzten Fachkollegen im Regal eine Reihe nach hinten zu schieben. Dies auf die Gefahr hin, zwar nicht durchgängig „richtige“ Fahrzeuge einzusetzen, dafür jedoch der Feierabendbastelei und meine Motto „Modellbahn macht Spaß“ wieder einen Schritt näher gekommen zu sein. 

 

Jürgen / jzipp-online



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